Lisa Merkel: Mit Bestzeiten-Serie und klarem EM-Fokus nach Birmingham

  13.08.2026    WLV Top-News WLV Wettkampf BW-Leichtathletik Top-News BW-Leichtathletik Wettkampfsport
EM-Start nach erfolgreichem Comeback: Lisa Merkels Weg ins Alexander-Stadium in Birmingham war alles andere als einfach. Nach monatelanger Zwangspause meldete sich die Tübingerin 2026 mit einer beeindruckenden Bestzeiten-Serie zurück und sicherte sich bei der DM in Bochum-Wattenscheid Bronze über 5.000 Meter. Wie die 23-Jährige die harte Phase der Verletzung verarbeitet hat, warum sie sich bei der EM in Birmingham bewusst für die 10.000 Meter entschieden hat und was ihr starkes Trainingsumfeld ausmacht, verrät sie hier.

Aktuell finden in Birmingham die 27. Europameisterschaften statt. Nach Rom 2024 ist es deine zweite EM bei den Erwachsenen: Wie groß ist die Vorfreude auf dieses nächste große Kapitel?

Lisa Merkel: Die Vorfreude auf die EM ist natürlich riesig. Ein solches Großevent ist immer das absolute Highlight, auf das man die gesamte Saison über hinarbeitet. Wenn man dieses große Ziel dann erreicht, ist das einfach ein sehr cooles Gefühl. Großbritannien ist zudem eine Nation, die die Leichtathletik extrem feiert. Am selben Abend findet zum Beispiel auch das 800-Meter-Finale mit Keely Hodgkinson statt. Ich hoffe daher auf eine richtig starke Stimmung im Stadion. Das trägt uns Läuferinnen auf der Bahn unglaublich und macht einfach enorm viel Spaß.

Du hättest in Birmingham auch die Norm für 5.000 Meter gehabt, hast dich aber bewusst ganz auf 10.000 Meter fokussiert und gegen einen Doppelstart entschieden. Was gab den Ausschlag für diese Entscheidung?

Ich hatte zwar auch die Bestätigungsnorm über 5.000 Meter und bin, glaube ich, sogar über die Weltrangliste reingerutscht, aber ein Doppelstart war für mich nie eine echte Option. Ich glaube ehrlich gesagt, dass ich in meiner sportlichen Entwicklung noch nicht so weit bin, um zwei solcher Rennen mit 100 Prozent Fokus zu bestreiten. Die 5.000 Meter hätten mich körperlich vermutlich so stark ermüdet, dass ich bei den 10.000 Metern nicht mehr mit der vollen Energie am Start gestanden hätte. Es ist extrem hart, die Spannung für zwei Starts aufrechtzuerhalten. Das habe ich mir einfach noch nicht ganz zugetraut. Auch meine Trainerin Isabelle Baumann hat mir geraten, mich lieber voll auf ein einziges Rennen zu konzentrieren. So kann ich am Tag X zu 100 Prozent da sein – und den Wettkampf danach auch richtig genießen.

Nach der verletzungsbedingten Zwangspause im Vorjahr hast du 2026 auf fast allen Distanzen neue Bestzeiten aufgestellt. Wie kam es zu dieser Entwicklung und wie hast du diesen Schritt geschafft?

Im letzten Jahr musste ich wegen des Ödems im Fersenbein fast die gesamte Saison pausieren. Dabei hatte sich in den zwei Rennen zu Beginn des Jahres eigentlich schon angedeutet, dass die Form da ist und ich sehr fit bin. Ich glaube, ich hätte schon 2025 weiter Bestzeiten aufstellen können, was mir dann leider verwehrt geblieben ist. Durch den verletzungsbedingten Ausfall hat es sich angefühlt, als stünde ich ein Jahr lang auf der Stelle – deshalb wirkt der Leistungssprung jetzt vielleicht umso größer.

Der entscheidende Faktor in diesem Jahr ist schlichtweg die Konstanz: Ich konnte zum ersten Mal wirklich durchtrainieren. Das hat mir extrem viel Freude und Selbstvertrauen zurückgegeben. Wenn man ständig Rücksicht nehmen muss, weil wieder irgendetwas wehtut, ist das mental immer ein Dämpfer. Dieses Jahr lief es glücklicherweise ohne lange Ausfälle durch.

Bei den Deutschen Meisterschaften konntest du dir trotz einer durchwachsenen Vorbereitung Bronze sichern. Wie wichtig war dieser Podiumsplatz für dein Selbstbewusstsein auf dem Weg nach Birmingham?

Der dritte Platz in Bochum hat mir extrem viel bedeutet. Bei den Deutschen Langstreckenmeisterschaften in Celle lief es für mich nicht wie erhofft. Wir hatten uns damals sehr kurzfristig für den Start entschieden, wodurch ich mental gar nicht richtig auf den Wettkampf eingestellt und am Tag X schlicht nicht voll da war. In Bochum war das anders: Ich war von Anfang an voll im Rennen. Mir war klar, dass es auf der letzten Runde gegen Elena Burkard und Vanessa Mikitenko extrem schwer werden würde. Dazu kam, dass ich in der Woche vor der DM gesundheitlich etwas angeschlagen war und mich nicht gut gefühlt habe. Umso schöner war die Erkenntnis auf der Zielgeraden, dass die Form da ist und ich es trotz dieser Rückschläge unter die Top 3 in Deutschland schaffe.

Du trainierst an deinem Studienort Tübingen bei Isabelle Baumann und gehörst dort zu einer extrem starken Trainingsgruppe, unter anderem mit Eva Dieterich. Wie hat sich dieses Umfeld mit der Zeit entwickelt und welchen Anteil hat es an euren gemeinsamen Erfolgen?

Ich bin damals genau aus dem Grund nach Tübingen gegangen, weil ich wusste, dass dort unter Isabelle Baumann bereits eine extrem starke Gruppe trainiert. Isabelle Baumann ist ein riesiger Name in der deutschen Leichtathletik. Athletinnen und Athleten wie Eva Dieterich, Hanna Klein oder Max Thorwirth waren damals schon da. Sie sind zu dieser Zeit extrem schnelle Zeiten gelaufen, und ich habe ehrlich gesagt ein Stück weit zu ihnen aufgeschaut – das waren kleine Vorbilder für mich. Zu Beginn konnte ich im Training oft noch gar nicht mithalten, weil das Tempo zu hoch war, aber in derselben Gruppe zu sein, war unfassbar reizvoll.

Als ich dann noch die Zusage für mein Biologiestudium an der Uni Tübingen bekommen habe, war das wie zwei Fliegen mit einer Klappe: ein perfekter Studienort und eine Trainerin mit enorm viel Expertise, bei der ich wusste, dass ich in besten Händen bin. Das hat mir beim Schritt weg von zu Hause sehr viel Sicherheit gegeben.

Dieses Umfeld in Tübingen hat mich schlussendlich zu der Läuferin geformt, die ich heute bin. Ich habe meiner Trainingsgruppe unglaublich viel zu verdanken. Egal wie schlecht der eigene Tag ist oder wie schlecht das Wetter: Alle stehen da und ziehen mit. Die Gruppe nimmt dich mit, gibt dir Halt und schult deinen Blick dafür, wie die anderen das Training angehen. Wenn das Miteinander so viel Spaß macht, kommt die Motivation von ganz alleine – und genau diese Freude am Training ist der wichtigste Grundstein für den Erfolg.

Je professioneller und hochklassiger die Rennen werden, desto wichtiger werden Skills wie Renngestaltung und situatives Handeln. Was hast du in diesen taktischen Belangen in den vergangenen zwei Jahren dazugelernt?

Die taktische Renngestaltung wird tatsächlich immer wichtiger. Meine bisherigen Bestzeiten bin ich vor allem in Rennen gelaufen, in denen wir Pacemaker hatten und von Anfang an ein hohes Tempo angeschlagen wurde. Da ging es im Grunde nur darum, dranzubleiben, hinterherzulaufen und sich gegenseitig zu pushen – das waren keine klassischen Taktikrennen.

Bei den Deutschen Meisterschaften habe ich gemerkt, dass mir für eine aktive Renngestaltung, bei der man selbst die Initiative ergreifen und auch mal vorne Tempo machen muss, manchmal noch ein Stück weit das Selbstbewusstsein fehlt. Das ist für mich der größte Hebel: Mir selbst noch mehr zuzutrauen, dass ich das Stehvermögen und das Leistungsvermögen habe, um ein solches Rennen von vorne mitzugestalten und mir richtig wehzutun.

Aber mit jedem Meisterschaftsrennen lernt man extrem viel dazu. In Bochum war das wieder ein wichtiger Erfahrungsschritt, und dieses Wissen nehme ich definitiv mit in die nächsten Wettkämpfe.

Ein Ödem am Fersenbein hatte dich im letzten Jahr zu einer sechsmonatigen Zwangspause gezwungen – ausgerechnet vor der U23-EM. Welche Lehren aus dieser schwierigen Phase helfen dir heute dabei, im Training und Wettkampf stabiler zu bleiben?

Die wichtigste Erkenntnis für mich war, dass der Satz „Man kommt stärker aus einer Verletzung zurück“ eben nicht nur eine Floskel ist. Wenn man sich die nötige Zeit gibt und geduldig wieder konstant trainiert, ist das, was man sich davor erarbeitet hat, nicht einfach weg. Es geht nicht verloren, sondern pausiert nur kurz. Dieses tiefe Vertrauen in meinen Körper zu gewinnen – zu wissen, dass die Leistungsfähigkeit da ist und wieder zurückkommt –, hat mir extrem viel mentale Sicherheit gegeben.

Außerdem habe ich gelernt, wie essenziell Regeneration ist. Unser Körper ist im Spitzensport nun mal das wichtigste „Arbeitsgerät“. Man muss nicht nur im Training 100 Prozent geben, sondern genauso akribisch darauf achten, auf Signale zu hören und dem Körper die Erholung zu geben, die er braucht.

10.000 Meter auf der Bahn verlangen absolute mentale Härte über 25 Runden. Wie teilst du dir so ein langes Rennen im Kopf ein, um Runde für Runde fokussiert zu bleiben und nicht zu früh Körner zu verbrennen?

So ein Rennen über 25 Runden verlangt tatsächlich extrem viel mentale Härte – aber wenn es richtig gut läuft, vergeht die Zeit ehrlich gesagt wie im Flug. Dann macht es unglaublich viel Spaß: Du findest deinen Rhythmus, spulst Runde für Runde konstant ab und ziehst das Tempo langsam an.

Wenn es hingegen mal nicht so locker läuft, wird es zu einem echten Kampf. Dann heißt es, sich strikt von Runde zu Runde zu hangeln. Der wichtigste Trick dabei ist, das Rennen niemals als großes Ganzes zu betrachten. Wer nach der ersten Runde denkt: „Oh Gott, jetzt kommen noch 24 Runden“, hat mental schon verloren. Ich teile mir die Distanz immer in kleine Päckchen auf oder fokussiere mich wirklich nur auf die jeweils nächste Runde. Wie viele es am Ende noch genau sind, blendet mein Kopf am liebsten aus – dafür gibt es schließlich die Rundenanzeige im Stadion.

Eine lange Saison fordert dem Körper enorme Umfänge ab. Wie schaffst du im Alltag die Balance zwischen harten Kilometern im Training und der nötigen Regeneration, um am Tag X frisch an der Startlinie zu stehen?

Um ehrlich zu sein, war das Thema Balance für mich dieses Jahr eine echte Herausforderung: Ich bin durch meine Bachelorarbeit eine extrem harte Doppelbelastung gefahren. Meine Tage waren vollgepackt und ich bin eigentlich nur von A nach B gerannt – das war grenzwertig. Der einzige „Vorteil“ daran war, dass ich gar keine Zeit hatte, zu viel über den Druck nachzudenken. Ich habe einfach mein Programm durchgezogen.

Grundsätzlich ist Regeneration aber das A und O. Normalerweise geht es darum, dem Körper zwischen den Trainingseinheiten so viel Ruhe wie möglich zu gönnen, um wieder frisch zu sein. Tools wie Reboots oder Physiotherapie nutze ich bisher noch kaum, möchte ich in Zukunft aber definitiv mehr austesten. Um am Wettkampftag wirklich frisch an der Startlinie zu stehen, fahren wir das Trainingspensum in den Tagen davor gezielt extrem herunter. Dieses Tapering ist der entscheidende Schalter, um die Beine spritzig zu bekommen.

Gibt es einen bestimmten Satz, eine Songzeile für den Callroom oder ein persönliches Motto, das dich durch die härtesten Einheiten und die entscheidenden Meter auf der Zielgeraden begleitet?

Ein festes Motto oder eine bestimmte Songzeile für den Callroom habe ich tatsächlich nicht. Vor dem Start spielt die Nervosität natürlich eine Rolle, aber ich versuche, meinen Kopf möglichst leer zu halten und nicht zu viel nachzudenken. Ich rufe mir lieber noch einmal ins Gedächtnis, was mir am Laufen so viel Spaß macht und warum ich das gerne tue.

Sobald der Startschuss fällt, schalte ich das Denken weitgehend aus. Zu viele Gedanken lenken im Rennen nur ab. Ich versuche einfach, vollkommen im Moment zu sein, mich auf das Renngeschehen zu fokussieren – der Rest ergibt sich dann ganz von alleine.

Vielen Dank für das Interview, liebe Lisa!

WLV